Magdeburg räumt auf

11. März 2017 | | Blog | Ein Kommentar

Magdeburg räumt auf

mit meinen Vorurteilen über Sachsen – Anhalt. So ist das immer, wenn man reist und sich ein Bild vor Ort von den Menschen macht anstatt sich in Agonie und Entsetzen über zweistellige Wahlergebnisse einer Partei, die das Wort „Alternative“ im Namen trägt, zu ergehen.

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Und so hieß es: „Ab nach Sachsen Anhalt!“ Dahin, wo die AfD zwar nicht regiert, aber doch sehr präsent ist.

Magdeburg räumt auf

Wenn man seit Jahren Wissen im eigenen Gedächtnispalast ablegt und sich dazu noch für die deutsche Geschichte interessiert, weiß man, welch bedeutende Rolle Magdeburg spielt. Viel Schmerz, viel Krieg, viel „Auslöschen“ ist mit dem Namen „Magdeburg“ verbunden. Im Dreißigjährigen Krieg, einem der verheerendsten Europas, wurde die deutsche Gesamtbevölkerung um ein Drittel dezimiert.

Magdeburg räumt auf

Magdeburg hatte sich bereits 1524 zur Reformation bekannt und ein Jahrhundert später traf es die Stadt so schlimm, das sich der Begriff „Magdeburgisieren“ durchsetze. Das bedeutet so viel wie „vollständig zerstören, dem Erdboden gleichmachen“, denn jahrzehntelang hatte sich die Stadt geweigert, Abgaben an den Kaiser zu zahlen. Als Konsequenz agierten die kaiserlichen Truppen so grausam, dass von 35.000 Einwohnern noch ganze 450 Menschen übrig blieben. Vergleiche zur Ilias drängen sich hier unweigerlich auf.

Magdeburg räumt auf

Doch auch vor und nach dem Dreißigjährigen Krieg ist Magdeburg reich an Geschichte. Otto der I. liegt im Dom zu Magdeburg begraben und gilt nach Karl dem Großen als Meilenstein in der deutschen Geschichte. Eine Liebesgeschichte zwischen Otto und Egditha, die heute noch in Magdeburg präsent ist.

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Und musikalische Parallelen finden sich bei Telemann zur bigbandmethod® en masse. Nur wenige wissen, dass Telemann sich seine musikalischen und kompositorischen Kenntnisse und Fähigkeiten größtenteils im Selbststudium angeeignet hat und erst in späteren Lebensjahren zu Anerkennung und Ruhm gelangte. Sein musikalischer Nachlass ist so umfassend, dass dessen Erforschung noch immer anhält 🙂

Magdeburg räumt auf

Wenn man mit dem Regionalexpress Berlin verlässt, Brandenburg quasi durchquert um nach Sachsen-Anhalt zu kommen, sieht man vernagelte, alte, leerstehende Bahnhöfe, abrissreife Häuser und nur sehr wenige Menschen. Weite Flächen, garniert von „Lidl“ oder „Netto.“

Beim Ausstieg im Magdeburger Bahnhof begrüßen uns dann besoffene Fussballfans, es ist windig und ungemütlich, so dass ich fröstelnd meinen Mantel enger um die Schultern ziehe.

Magdeburg räumt auf

 Und dann dreht sich die Stimmung durch Kontakt mit Menschen in Sekundenschnelle. Wir fragen Passanten nach dem Weg zur Grünen Zitadelle von Magdeburg, in der unser Hotel liegt und bekommen ausschließlich freundliche, hilfreiche Antworten. Ein Mann läuft uns sogar noch hinterher, um einen kürzeren Weg zu beschreiben, der ihm im Nachhinein noch eingefallen war.

Magdeburg räumt auf

Die Grüne Zitadelle, nach Entwürfen und Ideen von Hundertwasser gebaut wirkt in der restlichen Architektur Magdeburgs wie ein Raumschiff aus fremden Sphären, welches sich ausgerechnet Magdeburg als Landeplatz ausgesucht und hier – im wahrsten Sinne des Wortes – Wurzeln geschlagen – hat. Im Hotel sind die Angestellten freundlich und hilfsbereit, das Zimmer ein Traum und Hundertwasser wohin man auch blickt.

Magdeburg räumt auf

Auch hier wieder die Parallelen zum Krieg – dieses Mal nannten sie es den II. Weltkrieg, in dessen Verlauf Magdeburg zu 90% ausgelöscht wurde (wieder mal). Die Ruinen der Kirchen wurden nach 1949 platt gemacht um im real existierenden Sozialismus „Platten“ drauf zu bauen. Heute steht an einem dieser Plätze „die grüne Zitadelle“.

Magdeburg räumt auf

Abends ziehen wir durch die Stadt, finden ein Restaurant, in dem alle Angestellten uns freundlich begrüßen, bedienen, verabschieden und das Essen köstlich schmeckt. Eine Bar, die phantastische Cocktails in exorbitanter Auswahl anbietet, eine weitere Bar am Hasselbachplatz, in der jeder Tisch besetzt ist, auch hier die Angestellten freundlich und zuvorkommend sind, die Drinks lecker und der Chef sich nicht zu schade ist, die Gläser zu spülen.

Magdeburg räumt auf

Magdeburg räumt auf mit meinen Vorurteilen. Von Fremdenhass oder Ausgrenzung erfahren wir nichts. Magdeburg erteilte mir Unterricht  in den Fächern: „meine eigene Abwertung, meine eigenen Muster, meine eigene Ablehnung, meine Vorurteile“ und wie sie meine Haltung zu den Themen beeinflussen. Es war ein angenehmer Unterricht, denn es gab keine Zensuren, kein Klingelzeichen, keine Tests, kein Leistungsdruck. Stattdessen wurde ich überrascht von Botschaften des Frühlings, der Freundschaft und der Liebe. Dies geschah so häufig, dass man wirklich blind sein müsste, um sie zu übersehen zu können.

Magdeburg räumt auf

Magdeburg räumt auf

Magdeburg räumt auf

Über allem thront der Magdeburger Dom König Ottos, dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs vor 1000 Jahren. Unmöglich, sich seiner Präsenz zu entziehen. Im Dom selbst sammelt man für den Bau einer neuen Synagoge in Magdeburg. Ja, doch, wirklich, Magdeburg räumt auf!

Magdeburg räumt auf

Natürlich ist dies nur ein winzig kleiner Ausschnitt aus Milliarden von Eindrücken und Facetten und doch hat ein jeder von uns die Macht, die Welt so zu gestalten, wie wir sie gerne hätten. Man muss dafür nur auf Hundertwasser hören und sich mit seinen eigenen Schatten auseinandersetzen. Jeder von uns hat die Macht dazu.

Magdeburg räumt auf

Eine Anleitung gewünscht? Dann fragen wir doch Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser, den großen Philosophen und Künstler, der ein solcher entgegen den ausdrücklichen Wunsch seiner Mutter wurde:

Dein Fensterrecht, deine Baumpflicht

Wir ersticken in unseren Städten an Luftverpestung und Sauerstoffmangel. 

Die Vegetation, die uns leben und atmen läßt, wird systematisch vernichtet. 

Unser Dasein ist menschenunwürdig.

Wir laufen an grauen, sterilen Hausfassaden entlang und sind uns nicht bewußt, daß wir in Gefängniszellen eingewiesen sind.

Wenn wir überleben wollen, muß jeder einzelne handeln.

Du mußt selbst deine Umwelt gestalten.

Du kannst nicht auf die Obrigkeit und auf Erlaubnis warten. Nicht nur deine Kleidung und dein Innenraum, auch deine Außenmauer gehört dir.

Jede Art der individuellen Gestaltung ist besser als der sterile Tod.

Es ist dein Recht, dein Fenster und, so weit dein Arm reicht, auch die Außenseite so zu gestalten, wie es dir entspricht.

Anordnungen, die dieses Fensterrecht verbieten oder einschränken, sind zu mißachten.

Es ist deine Pflicht, der Vegetation mit allen Mitteln zu ihrem Recht zu verhelfen.

Freie Natur muß überall dort wachsen, wo Schnee und Regen hinfallen, wo im Winter alles weiß ist, muß im Sommer alles grün sein.

Was waagrecht unter freiem Himmel ist, gehört der Natur. Straßen und Dächer sollen bewaldet werden.

In der Stadt muß man wieder Waldluft atmen können.

Das Verhältnis Mensch-Baum muß religiöse Ausmaße annehmen. Dann wird man auch endlich den Satz verstehen: Die gerade Linie ist gottlos. 

Magdeburg räumt auf

In diesem Sinne!

Eure San Ra



1 Kommentar

  1. Herbert Dirksen
    12. März 2017

    Eine wunderbare Betrachtung über die Stadt Magdeburg, über die Menschen, denen man begegnet! So ist es zu verstehen, wenn Menschen über andere Länder, Landesteile oder Städte Urteile bilden und fällen, wenn sie diese gar nicht kennen.
    Wer nur blind auf Autobahnen Landschaften durchkreuzt, wird niemals etwas über die Qualität im Einzelnen erfahren.
    So erging es meiner Frau und mir, als wir 2016 die beiden baltischen Nachbarn Litauen und Lettland – wenn auch noch flüchtig, aber punktuell gründlich, erlebten.
    Wo sich in großer, erzwungener Bescheidenheit, eine Welt öffnet, wo die Jugend aktiv selbstbewußt und offen auftritt, wo man die Befreiung vom Joch des vermeintlichen Sozialismus der UDSSR spürbar gelebt wird, ist es einfach wunderbar!

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