Besonders: Sonja Walter

07. September 2015 | | Blog | Keine Kommentare

Besonders: Sonja Walter

Ende August jagte mir eine junge Dame bei einer Veranstaltung der eventprofessionells mit ihrem Gesang heftige Schauer über den Rücken und trieb mir die Tränen in die Augen. Und ganz ehrlich: Ich habe von italienischen Arien nicht wirklich Ahnung. Diese Person jedoch, die im Abendkleid vor mir stand verfügt nicht nur über exzellentes Handwerk, sondern auch über die zwei wirklich wichtigen Zutaten für alle Menschen, die auf der Bühne leben: Präsenz und Persönlichkeit! Ein Blog über eine Kollegin, die ich rundherum empfehlen kann:

Die Berlinerin Sonja Walter studierte Gesang, Schauspiel, Tanz und Piano in Berlin und London. Sie war engagiert am Landestheater Mecklenburg, am Stadttheater Bremerhaven, am Aegi-Theater in Hannover sowie mehrfach bei den Ettlinger Schlossfestspielen und wirkte in unzähligen Berliner Produktionen mit: Theater des Westens („Nine“), Theater am Kurfürstendamm („Cabaret“), Berliner Kammeroper, Fontane-Ensemble Berlin, theater im palais, Volkstheater Hansa, Schillertheater, Tourneeproduktionen wie „La Cage aux Folles“, „Die Schöne und das Biest“ sowie „Das Phantom der Oper“, wo sie mit großem Erfolg die Rolle der Christine spielte, führten sie durch Deutschland, Österreich, Schweiz und die Niederlande.

Besonders: Sonja Walter

Ihr breitgefächertes Repertoire umfasst Kirchenmusik, Oper, Operette, Kunstlied, Musical, Chanson und Pop. Sonjas künstlerische Reise begann mit musikalischer Früherziehung, als sie zwei Jahre alt war. Mit vier Jahren war sie dann zum ersten Mal bei einer Flamenco-Tanz-Veranstaltung in der Philharmonie, mit sechs sah sie die erste Oper, Mozarts „Zauberflöte“. Mit sieben erhielt sie den ersten Klavierunterricht, mit neun Jahren begann sie mit Kindertanz, dann folgte Ballettunterricht mit jährlichen Weihnachtsaufführungen. Auf der Bühne zu tanzen hat sie von jeher geliebt, dort jedoch zu sprechen oder zu singen war unvorstellbar. Schon in der Schule vor der Klasse zu sprechen kostete jedes Mal Überwindung, denn als Kind und Jugendliche war Sonja extrem schüchtern. Gleichzeitig zog die Bühne sie magisch an.

Mit Anfang 20 nahm sie dann mit viel Mut zwei Gesangsstunden, allerdings leider bei der für sie falschen Lehrerin. Beide Male sang sie sich heiser und dachte daraufhin, sie könne nicht singen. Ein Fehlschluss, der eine längere Leidenszeit provozierte, denn man sollte immer auf die eigene Intuition hören. Der Körper weiß definitiv besser als der Kopf, was man zum Glücklichsein braucht.

Besonders: Sonja Walter

So machte sie zunächst eine Ausbildung als Fremdsprachensekretärin und tanzte nur hobbymäßig in ihrer Freizeit. In dieser Zeit ging es ihr körperlich und psychisch ziemlich schlecht, häufige Albträume plagten sie.

Erst mit 24 begann sie dann eine Ausbildung als Musicaldarstellerin in Gesang, Tanz und Schauspiel und begegnete ihrer großartigen Gesanglehrerin Ute Gabriel, die ihr bis heute immer wieder mit Rat und Tat zur Seite steht. Sie baute mit Sonja über Jahre ihre Technik, ihren Ausdruck und auch ihre Liebe zu den verschiedenen Genres auf. Mit Beginn der Musicalausbildung hörten die Albträume schlagartig auf, und ihr gesamter Freundeskreis sagte einstimmig: „Na endlich macht sie’s!“ Wen wundert´s 😉

Besonders: Sonja Walter

Besonderere Faszination ihrer Arbeit findet Sonja in folgendem Satz: „Man ist niemals „fertig“! Es gibt unendlich viele Lieder und ein einziges Sängerinnenleben reicht nicht, um sich durch die ganze Literatur durchzusingen. Und mit den Jahren und der wachsenden Lebenserfahrung reifen auch die Lieder mit und verändern sich.

Bereichernd empfindet Sonja es, dass sie durch die Selbstständigkeit immer wieder mit neuen Künstlern zusammentrifft. In der Musik gibt es – abgesehen von der richtigen Tonhöhe und dem exakten Rhythmus – kaum ein Richtig und ein Falsch. Dasselbe Lied kann von 3 Sängern völlig unterschiedlich präsentiert werden. Das macht das Erarbeiten neuer Stücke immer wieder spannend.

Besonders: Sonja Walter

Oft wird Sonja gefragt, was ihr Lieblingsgenre wäre. Sie kann diese Frage genauso wenig beantworten wie ich. Auch das verbindet uns als Künstlerinnen, denn es ist ein erhebendes Erlebnis, den Solosopran in Bachs wunderbarem Weihnachtsoratorium zu singen, das Orchester lässt den Raum vibrieren, hinter einem schwebt der Chor, und alles zusammen ergibt ein großes Ganzes. Doch genauso macht es diebische Freude, ein schwungvolles Salonstück mit frechem Text zu singen und das Publikum dabei miteinzubeziehen und zum Lachen zu bringen.

Müde macht sie das immer noch weitverbreitete Schubladendenken „Kirchenmusik und Oper sind toll und schwer, Musical und Chanson sind einfach und keine richtige Kunst“. Sicher ist klassische Musik gesangstechnisch eine höhere Herausforderung, jedoch nützt das tollste Chanson nichts, wenn man es steif und langweilig herunter singt. So hat jedes Genre seine speziellen Herausforderungen und braucht bestimmte Fertigkeiten, um es professionell UND unterhaltsam rüberzubringen.

Besonders: Sonja Walter

Sonja liebt es genauso wie ich, von einem Genre ins andere zu springen und hat deshalb ein breitgefächertes Repertoire von klassisch bis modern erarbeitet. Ich nenne das liebevoll „Universenhopping“. An jedem der hier abgebildeten Fotos sieht man, wie wandelbar sie ist. So kann sie  für ihre Kunden auf Wunsch auch individuelle Programme zusammenstellen.

Die Liebe zur Musik weiterzugeben macht ihr genauso große Freude, wie mir und so unterrichtet sie seit vielen Jahren Gesang und auch Klavier. Insbesondere beim Singen ist es ihr wichtig, den Schüler dort abzuholen, wo er steht, das kann auch jede Woche wieder anders sein. Sonja weiß, dass es nicht funktioniert, mit jedem Schüler dasselbe Übungsprogramm durchzuexerzieren wie in der Mathematik das Einmaleins denn dafür ist die Stimme ein zu sensibles und individuelles Instrument. Jeder Schüler ist anders, und die spannende Aufgabe des Lehrers ist es herauszufinden, wie man gemeinsam seine ganz besondere persönliche Stimme entdecken kann.

Besonders: Sonja Walter

Aus dem Nähkästchen geplaudert erzählt Sonja folgende „krasse“ Geschichte:

Schon ihr Ballettlehrer in der Ausbildung warnte vor so genannten „Kunstbeamten“. Nie hätte sie gedacht, dass sie mal einem begegnen würde. Sonja hatte einen Solovertrag am Mecklenburgischen Landestheater und wurde in einem Stück auch im Chor verpflichtet. Am ersten Probentag sagte die Gastregisseurin, der Chor solle sich für die erste Szene einfach mal über die gesamte Bühnenfläche verteilen. So suchte sie sich einen Platz und wurde direkt von einem Chortenor angesprochen, dass sie sich woanders hinstellen solle. Seine Begründung: „Ich stehe an diesem Platz seit 20 Jahren!“

Nach vielen Jahren an Theatern und auf Tourneen reifte in ihr die Idee, eigene Soloprogramme zusammenzustellen. So suchte sie sich  monatelang Lieblingsmusicalsongs zusammen, brachte sie in eine dramaturgische Reihenfolge und suchte sich einen Saal. Plötzlich bekam sie jedoch Angst vor ihrer eigenen Courage und entschied, das erste Konzert doch mit Begleitmusik vom Band zu singen und nicht mit einer Live-Pianistin. Falls es schiefging, würde sie niemanden mit hineinziehen. Die letzten 10 Minuten vor dem Auftritt hämmerten in ihrem Kopf zwei Sätze: „Bist Du verrückt, was tust Du hier eigentlich?“ und „Ich will da raus und ganz alleine das Publikum in meinen Bann ziehen!“

Bei einem Soloprogramm muss man alles aus seiner eigenen Stimme und Darstellungskraft bringen. Es gibt keine Ablenkung/Unterstützung von Glitzer, Kostümen, Lichtshow, Chor, Tänzern, Orchester und Tontechnik! Das Musicalprogramm ging im Frühjahr 2000 mit großem Erfolg über die Bühne. Schon im Herbst 2000 hatte daraufhin ihr erstes Soloprogramm „Oper meets Musical“ (mit Pianistin!) Premiere. Es folgten über die Jahre unzählige weitere Programme, die aktuelle Premiere ist nun in diesem Herbst mit „Mehr als Max und Moritz“, Musik und Lesung über Wilhelm Buschs Leben als Mensch und Künstler.

Besonders: Sonja Walter

Sonja macht es glücklich, wenn sie ihre Zuhörer emotional erreicht. Oft kommen die Menschen danach zu ihr und sagen, dass sie durch ihren Gesang Gänsehaut bekamen oder ihnen Tränen in den Augen standen. Manche sagen auch: „Muss das schön sein, wenn einem der liebe Gott so eine Stimme in die Wiege gelegt hat.“

Ihre Antwort lautet dann: „Ja, für das Geschenk eines schönen Stimmklangs bin ich sehr dankbar. Die restlichen 90 % sind harte Arbeit, ein steiniger Weg, mutlose Abschnitte, lebenslanges Üben und Lernen, Enttäuschungen, Absagen, Kritiken, Risikobereitschaft und große Selbstdisziplin – und dennoch möchte ich für nichts in der Welt meine Berufung als Sängerin eintauschen, denn in dem Moment, wo ich auf der Bühne stehe und in lächelnde Zuschauergesichter schaue, weiß ich: Hier gehöre ich hin.“

Und das kann ich nur unterschreiben! Eine Seelenverwandte!

Besonders: Sonja Walter

Bestes euch! 

San Ra



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